Die Killerfrage — "Und was machst Du so?"

Nichts tun

Es weihnachtet und man sieht sich wieder auf den Familienfesten. Eltern sind da, aber auch Tanten und Onkel; und viele hat man länger nicht gesehen. Das ich nun meinen Job gekündigt hatte, das hat sich schon rumgesprochen. Aber nun ist da irgendwie ja ein Loch, etwas muss nun geschehen. Das kann doch nicht sein, dass ich einfach nichts leiste?

Mut haben für einen Wechsel

Vor längerer Zeit, als meine damalige Firma outgesourced wurde, gab es einige wie mich, die voller Hoffnung mit in die neue Firma gegangen sind, einige haben den Schritt verweigert und einige sind mit rüber und haben dann aber ziemlich schnell gekündigt, als sie merkten, was alles nicht so wirklich gut läuft. Ich habe das damals bewundert. Ein Kollege hatte gekündigt und ich fragte ihn, was er denn jetzt machen würde. Er sagte mir, er kann das nicht: Sich während des Arbeitens auf etwas Neues einzustellen. Er hatte gerade ein Haus gekauft und nun gekündigt. Wow, Hut ab!

Für mich war das sehr fremdartig. Ich hatte auch ein Haus abzubezahlen und ich hätte es mir nicht zugetraut. Ich war am Anfang meiner Management-Karriere und wenn ich in der alten Firma verblieben wäre, wäre das zwangsläufig das Ende der Karriere gewesen. Daher habe ich alles fröhlich mitgemacht, bis es auch, Jahre später, für mich nicht mehr zum Aushalten war. Offenbar bin ich jemand, der sich mit wirklichen Missständen nicht dauerhaft arrangieren kann.

Existenzängste, die wir uns nicht eingestehen

Weil mich das damals so bewegt hatte, sprach ich mit einem Freelancer-Kollegen darüber. Und der sagte mir knallhart: Du hast Existenzängste. Damals fand ich das irgendwie abwegig, aber im Nachhinein hatte er recht. Es war das Haus, meine Frau, für die Sicherheit auch sehr wichtig war, und auch mein Wunsch, Karriere zu machen. Dass das in der neuen Firma gar nicht ging, war mir da noch nicht klar.

Identität

Aber was ist man, wenn man nicht arbeitet? Das Eingebundensein gibt einem Halt und Bestätigung. Alle tun irgendetwas mehr oder weniger Sinnvolles und solange Du dabei bist, ist alles gut. Das wird auch nicht hinterfragt. Das ist gesellschaftlicher Konsens: Man muss etwas tun, dann ist alles ok. Wenn Du nicht arbeitest, sorgen sich die Eltern, weiß der Partner nicht, wie er Fragen begegnen soll, etwas Unabgeschlossenes und Bewegung liegt in der Luft, Unsicherheit.

Ich habe mich entschieden, erst einmal nicht zu arbeiten. Finanziell kann ich die Zeit überbrücken und habe so Zeit, mir darüber klar zu werden, was mir wirklich zusagt. Das braucht sicherlich einige Zeit, denn einfach so weiter machen, wie bisher, ist keine Option. Zu schnell ist man wieder im Karussell von Konkurrenzdruck, stetigen (Pseudo-)Optimierungen, wirrem Aktionismus und fehlender grundlegender Ausrichtung von Firmen und Institutionen. Das gilt nicht nur für die IT, genauso für Krankenkassen, (kirchliche) Hilfsorganisationen und viele staatliche Bereiche, die immer weiter mit einer Neuausrichtung in den kommerziellen Bereich konfrontiert werden, der ihnen eigentlich fremd ist.

Bis dahin bin ich ein Mann ohne Eigenschaften, ein Suchender, einer, der Nichts tut, ein Müßiggänger. 😉

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